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Ganesha und der Mond – über Scham und die Kunst, sich selbst (und anderen) zu verzeihen

Was macht es mit uns, wenn wir fallen, wenn wir scheitern, und wenn dann noch jemand anders zuschaut und uns im schlimmsten Fall auslacht? Wie gehen wir mit "Scham" um...


Es gibt Geschichten, die man einmal hört und die sich dann wie ein kleiner Same im Inneren einpflanzen. Und irgendwann – oft in ganz unerwarteten Momenten - enthüllen diese Geschichte plötzlich eine weitere Seite / eine Schicht und Sichtweise, die man erst für sich entschlüsseln musste. Für mich ist die Geschichte von Ganesha und dem Mond genau so eine.


Die Geschichte von Ganesha und dem Mond

Ganesha, der elefantenköpfige Gott, Sohn von Shiva, ist ja so etwas wie der gemütlichste aller indischen Götter. Dick, freundlich, mit diesem unerschütterlichen Yogi-Herz – und einem sehr großen Faible für Süßigkeiten. Genussmensch durch und durch. Und so kam es, dass er eines Abends von einem Fest heimritt. Sein Reittier? Eine kleine weiße Maus. Ganesha war zufrieden, satt, und hatte sich sogar noch ein paar Extra-Süßigkeiten für den Heimweg eingepackt. Der Mond, Chandra, schien hell über den Hügeln, als die kleine Maus beschwingt hoch und wieder runter und wieder hoch lief. Ein richtig gemütlicher Nachhauseweg. Bis eine Schlange auftauchte....


Die Maus erschrak so sehr, dass sie Ganesha kurzerhand abwarf. Der dicke Gott kugelte rückwärts den Hügel hinunter, und als er aufprallte, platzte ihm der Bauch auf – und all die Süßigkeiten rollten quer über den Weg. Ein Bild, das gleichzeitig tragisch, komisch und sehr… menschlich ist.


Ganesha war außer sich. Wie konnte ihm das passieren?

Er rappelte sich hoch, sammelte die Süßigkeiten zusammen, stopfte sie wieder in seinen Bauch und band diesen hastig mit der Schlange zu. Und als ob das nicht schon genug gewesen wäre, sah Chandra, der Mond, das alles – und lachte. Laut, unüberhörbar.


Und genau da kennen wir alle diesen Schmerz: Wenn etwas sowieso schon peinlich ist. Wenn wir uns über uns selbst ärgern. Wenn wir gerade nicht freundlich mit uns sein können. Und dann noch jemand zuschaut und lacht. Das macht es nicht nur schlimmer. Es brennt.


Ganesha jedenfalls explodierte. Vor Wut brach er sich seinen Stoßzahn ab und schleuderte ihn nach dem Mond. Und dann verfluchte er ihn: Der Mond solle nie wieder scheinen. Und weil Ganesha eben ein Gott ist – funktionierte das. Plötzlich gab es keine Nacht mehr. Nur noch grelles Tageslicht. Keine Pause, keine Zärtlichkeit, kein Atemholen. Die Welt wurde heiß, hart, erschöpft.


Die Menschen, die Tiere, die Götter – alle kamen zu Ganesha und baten ihn: Nimm deinen Fluch zurück. Wir brauchen die Nacht. Wir brauchen den Rhythmus aus Anstrengung und Pause. Ganesha wusste natürlich, dass er überreagiert hatte. Aber ganz vergeben konnte er Chandra auch nicht. Also entschied er sich für einen Kompromiss: Der Mond durfte zurückkehren – aber nur einmal im Monat vollständig. An allen anderen Tagen sollte er wachsen oder schwinden. Und einmal im Monat sogar ganz verschwinden.

So, sagt man, entstand der Mondzyklus.


Und was hat das mit uns zu tun?

Diese Geschichte erzählt von Balance – von Tag und Nacht, Aktivität und Ruhe. Aber sie erzählt noch etwas anderes: Sie erzählt von Scham, von dem Moment, in dem wir fallen, und von der oft viel schwierigeren Aufgabe, denen zu verzeihen, die zugesehen haben, die vielleicht sogar gelacht haben.


Wir wissen zwar: Wenn uns etwas misslingt, sollen wir freundlich mit uns sein. Aber gerade in den Momenten, in denen wir das nicht können, macht sich etwas anderes breit: Selbstzweifel. Härte. Ein innerer Rückzug.

Und wenn dann noch jemand von außen reagiert – mit Lachen, Spott, einem Kommentar – dann schmerzt es doppelt. Weil es die Wunde trifft, die wir uns selbst gerade geschlagen haben.


Was Wissenschaft über Scham weiß

Die amerikanische Forscherin Brené Brown, die seit über 20 Jahren Scham, Verletzlichkeit und Mut erforscht, beschreibt Scham so:

„Scham ist das intensivste schmerzhafte Gefühl, das wir kennen: der Glaube, nicht gut genug zu sein und dadurch keine Liebe und Zugehörigkeit zu verdienen.“ – Brené Brown

Scham betrifft nicht das Verhalten („Ich habe etwas falsch gemacht“), sondern die Identität („Ich bin falsch“).Und genau deshalb wirkt sie so tief.

In diesem Sinne ist Ganeshas Wut absolut menschlich. Der Sturz tat weh – aber das Lachen des Mondes traf ihn noch tiefer, weil es seine Selbstwahrnehmung berührte.


Warum wir uns oft schwerer tun, anderen zu vergeben als uns selbst

Wissenschaftlich betrachtet gibt es zwei Mechanismen:

1. „Zuschauer verstärken die Scham“

Studien zeigen: Ein Fehler wiegt schwerer, wenn er gesehen wird. Wir fühlen uns nicht nur inkompetent – wir fühlen uns bloßgestellt. Genau das passiert Ganesha.

2. „Sozialer Schmerz ist realer Schmerz“

Neurowissenschaftliche Untersuchungen (z. B. von Naomi Eisenberger) zeigen, dass sozialer Schmerz – also Ausgrenzung, Lachen, Ablehnung – die gleichen Hirnareale aktiviert wie körperlicher Schmerz. Kein Wunder, dass Ganesha so überreagiert.


Das zusammen führt dazu, dass die zuschauende Person quasi den Schmerz verstärkt. Und dann ist es manchmal einfacher auf diese Person sauer zu sein, ihr die Schuld zu geben - als das Thema an sich zu lösen - nämlich indem wir anerkennen, dass wir einfach nicht perfekt sind. Niemand von uns. Nie. Das wir Fehler machen, manchmal auch peinliche. Erst wenn wir das anerkennen, und uns in unserer "Nicht-Perfektheit" großartig finden, prallen Fehler und dazu gehörendes Gelächter von uns ab und bringt uns in die Vielzitierte Haltung "Mitlachen zu können" bzw. "Die Krone zu richten und wieder aufzustehen"...


Der Weg aus der Scham: Scham-Resilienz

Bis es wo weit ist - das wir uns wirklich ganz und gar annehmen wie wir sind - hier noch ein paar Tipps wie man wieder aus der Scham raus kommt


Scham-Resilienz bedeutet, dass wir aus Scham-Momenten wieder herausfinden – ohne uns selbst zu verlieren. Brené Brown beschreibt vier Elemente:

1. Die Scham erkennen („Name it to tame it“)

Scham verliert an Macht, sobald wir sie benennen: „Ich schäme mich gerade.“

2. Sie verstehen

Scham sagt nichts über unser Sein aus, sie entsteht durch soziale Bewertung.

3. Unserer Geschichte ehrlich begegnen

Statt uns zu verstecken, hinschauen: Was hat mich so getroffen? Warum?

4. Heilsame Beziehung

Wir kommen nur durch Verbindung aus der Scham: durch eine valide Stimme, durch Zuhören, durch ein Gegenüber, das nicht lacht.

Genau deshalb ist es so schwer, dem Mond (oder dem Menschen, der uns zusieht) zu vergeben: Wenn wir uns beschämt fühlen, ist der andere oft ein Teil des Schmerzes.

Brené Brown sagt dazu:

„Scham kann nicht überleben, wenn sie ausgesprochen wird und jemand sie mit Empathie hört.“

Mein persönlicher Bezug?


Es gibt immer wieder Momente, in denen ich auf eine Art handle, für die ich mich später schäme. Das interessante - zuerst kommt die Wut. Dann bin ich wütend auf die Personen, die Situation, die Welt - die mich überhaupt erst in die entsprechende Situation gebracht hat. Denn wäre ich nicht in diese Situation gekommen, hätte ich mich auch nicht so blöd verhalten können,... - eben!


Und dann braucht es einen Moment - ich muss das Ganze sacken lassen und erstmal benennen - was fühle ich wirklich - wenn ich dann an der Wut vorbei komme, dann sehe ich die Scham. Und dann brauche ich eine Person mit der ich das teilen kann. Eine Person die wirklich mitfühlend zuhört - und mir das Gefühl gibt trotzdem OK zu sein. Dass ich zwar vielleicht einen Fehler gemacht habe, aber dass ich deshalb kein schlechterer Mensch bin. Und erst dann - und nach dem ein oder anderen inneren und äußeren Aufstampfen, kann ich auch an der Wut auf die Perosn die dabei war vorbei und sie wieder "normal" ansehen und ihr normal begegnen.


Was sehen wir daher auch? Ganesha hat dem Mond nicht verzeihen können. Er wollte den Fluch nicht ganz vom Mond nehmen - vielleicht kriegen wir es ja ab und zu hin, ein bisschen weiter zu gehen als der indische Elefantengott. Und dieser Gott steht übrigens auch dafür Hindernisse zu überwinden - wenn das nicht eigentlich der perfekte Begleiter für diesen Weg ist ;-)



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